Ehrhornsage

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Die Ehrhorn-Sage von Knut Sierk, aus der Böhme-Zeitung vom 8.3.1999:

Wintermoor. Bei den Recheгchen zur Ausstellung für das geplante Walderlebniszentrum Ehrhorn Nr. 1″ stießen die Organisatoren gleich bei mehreren Autoren auf die „Ehrhorn-Sage“ und erkannten sofort das Gebäude mit seinem Umfeld wieder. Nur von den ertragreicher Standorten fand sich keine Spur mehr. Sie sind wohl unter dem Sand der Ehrhorner Düne begraben.

Teilweise umschlossen wird Ehrhorn von über zehn Meter hohen mittelalterlichen Wanderdünen. Auf den Ehrhorner Dünen wächst der älteste Naturwald Niedersachsens. Die Ehrhorner Dünen sind seit 1972 von jeglicher Nutzung und Bewirtschaftung ausgenommen. Sie können sich urwaldartig entwickeln und leisten damit heute der Forschung wertvolle Dienste.

Eingebettet ist Ehrhorn in das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide, das mit seinen ausgedehnten Wald- und Heideflächen einer Fülle an heimischen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bietet.

Das ehemalige Bauernhaus „Ehrhorn Nr. 1“ wurde 1650, also direkt nach dem „Dreißigjährigen Krieg“, gebaut. Es wurde in dem damaligen Baustil als Zweiständerhaus errichtet. Die mächtigen Eichenständer tragen das hohe Reetdach und werden von den Fachwerkwänden umschlossen. Das Haus wurde im Laufe der Jahrhunderte natürlich mehrfach umgebaut. Nun soll der Ausbauzustand von 1850 rekonstruiert werden.

„Ehrhorn Nr. 1“ ist Teil eines lockeren Ensembles von mehreren Gebäuden, die sich unter alten Eichen rund um den Dorfplatz gruppieren. Das Haus grenzt an eine extensiv bewirtschaftete Weidefläche, die fließend in den Quellbereich übergeht. Wenn man von der Este herüberblickt, entdeckt man hinter einem schmalen Schilfgürtel ein „Erlengebüsch“, ganz so wie in der folgenden Sage beschrieben:

 

Ehrhorn war einst ein großes, reiches Dorf. Viele stattliche Bauerngehöfte lagen um den Teich, das Quellenbecken der Este, welches einst mehrere Morgen Raum umfasst haben soll. Wogende Weizengefilde und ertragreiche Wiesen umgaben das Dorf, und auf dem üppigen Weidengelände tummelten sich stattliche Rinderherden. Die Bewohner trugen kostbare Wämser mit silbernen Knöpfen und auf den Schuhen silberne Spangen. In Ermangelung des Sandes streuten sie feines Weizenmehl in die Dönzen und Fletts.

Einst kann ein fahrender Sänger in das Dorf Erhorn. Er trat in ein Bauernhaus. Gastfrei kredenzte die Hausfrau ihm den Willkomenstrunk und lud ihn ein, am Herde Platz zu nehmen. Es war ein stürmischer Herbstabend. Beim brennenden Kienspan spannen die Mägde und schnitzten die Knechte allerlei Verzierungen an Truhen, Stühlen und Türrahmen. Der Fremde nahm seine Harfe zur Hand, spielte und sang ihnen Lieder – Lieder, deren Wortlaut sie oft schwer verstanden, weil sie mit fremdländischer Betonung wiedergebenen wurden. Aber wie sang und spielte er sie! Die Magde hielten auf zu spinnen, die Knechte ließen ihre Schnitzarbeit ruhen. Alle sahen auf ihn, den Sänger mit den weißen Locken. Plötzlich lehnte er sich einen Augenblick schweigend auf seine Harfe. Den Blick zur Erde gekehrt, gewahrte er das schimmernde Mehl auf dem Fußboden. Er hob etwas davon auf und ließ es durch die Finger gleiten, wie prüfend.

Dat is Weetenmehl, sagte die Hausfrau, welche seine Begegungen beobachtet hatte, und erläuternd setzte sie hinzu, indem sie das Herdfeuer anfachte: Mehl hebt wie rieklich un Sand möten wie erst möhsam haln! – Der Herbststurm rüttelte an der geschlossenen Blangentür, das es krachte. Kikeriki! rief der aufgeschreckte Hahn vom Wiemen in der Diele.

De Hahn de kreiht so to Untied, dat givt Regenwär, sagte der Bauer und steckte einen neuen Kienspan auf.

Ale hatten ihre Beschäftigung wieder aufgenommen. Des Spielmanns Züge waren sehr ernst. Er ist fe eine Weile sinnend in dic Herdflammen geschaut. Jetzt nahm er die Harfe, griff in die Saiten und entlockte derselben Töne, so ernst, so ergreifend, daß alle wieder aufhorchten. Es klang wie Sturmesbrausen und Donnergrollen. Doch horch, jetzt fiel er mit tiefer, klangvoller Stimme ein, und was er sang, hörten sie in ihrer eigenen Muttersprache:

De Wind de weiht,
De Hahn de kreit,
De Sand fangt an to weihn,
Un weiht de Sand
Upt Weetenland,
Wo wullst du Weeten meihn?
Nordwesten-Wind,
Dat Heidekind!
De hult in hagern Bargen.
De Wind de weiht,
De Han de kreiht,
Bald ligt dat Dörp in Sargen.

Der Sänger hielt erschöpft inne. Dann erhob er sich und wandte sich zum Gehen.

Bliv dor, Speelmann, sagte der Bauer, hörst Du nich, wie de Harvtsturm hult? De Abend is dunkel un de Nacht lang; de Heide is endlos, ohne Weg un Steg. Lat Di’t bi os gefallen.

Der Spielmann aber schüttelte verneinend das graue Haupt und sagte: Muß weiter! – Markwürdig is Din Gedohn, markwürdig Din Gesang un Harfenspeel, aver bliev!, bat eindringlich der Bauer. Muß weiter! Klang es wieder kurz zurück, und der Fremdling ging. Als er an dem Teich entlang schritt, hörten sie ihn noch jenes Lied singen, bis die Klänge allmählich in Sturme verhallten.

Einige Tage später, als ein Ehrhorner Bauer ein Fuder Heide holen wollte, fand er in der sumpfigen Niederung der Este den Spielmann ertrunken, und unweit davon im Erlengebüsch hing seine Harfe mit zerrissenen Saiten.

Die Prophezeihung des greisen Sängers ging bald in Erfüllung. Ein wütender Stier wühlte am Fuße des Berges das sandige Erdreich auf, und das angefangene Werk setzte der Nordwestwind, das Heidekind, fort. Er trieb den feinen Sand in Rieseln über die gesegneten Ehrhorner Fluren und ließ nicht eher nach, bis der schöne Weizenboden bergehoch mit dem weißen Wüstensand bedeckt war. Das war die Strafe für den Missbrauch des göttlichen Segens. Noch oft in regnerischen, stürmischen Herbstnächten sollen den einsamen, späten Heidewanderer aus dem Erlengebüsch rauschende Harfenklange und die Akkorde jenes Liedes ans Ohr gedrungen sein.

Böhme-Zeitung vom 8. März 1999: Die Ehrhorn-Sage oder: Übermut tut selten gut
Böhme-Zeitung vom 8. März 1999: Die Ehrhorn-Sage oder: Übermut tut selten gut
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