Munitionslager Kamperheide

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Nördlich bei Kamperheide, schon im Landkreis Harburg, errichtete die Wehrmacht 1938 ein 193 Hektar großes Munitionslager. Ein Schreiben vom Oberkommando der Wehrmacht vom 27.07.1938 liegt dazu vor, damals befanden sich schon die ersten 25 Baracken im Bau. Dieses Depot war Teil der „Heeresnebenmunitionsanstalt Schneverdingen„, zu der noch die Depots Lünzen (bei Großenwede), Hillern I und Hillern II (bei Timmerloh) gehörten. Die Dynamit AG in Schneverdingen (zwischen Bahn und Hof Möhr südlich der Straße nach Heber) hat als Munitionsvernichtungseinrichtung nach dem Ersten Weltkrieg nichts mit der Muna zu tun.

Ausschlaggebend war die Lage weit entfernt von menschlicher Besiedelung und trotzdem über den Bahnhof Wintermoor gut per Bahn zu erreichen. Eine kleine Rampe direkt an der Heidebahn bezeugte, dass hier viel Material entladen wurde (anfangs Vulkangestein aus Italien für den Wegebau).

Die Tischlerei Cassens aus Schneverdingen führte einen großen Teil der Bauarbeiten aus. Die Flächen wurden von den Eigentümern sehr kurzfristig gepachtet, in der Diktatur gab es dazu auch keine großen Verhandlungen. Anfangs gab es beinahe Zuständigkeitsschwierigkeiten, denn auch die Luftwaffe wollte diese Flächen nutzen, für einen Ersatzflugplatz wie im späteren Camp Reinsehlen. Die Muna war ein wichtiger Arbeitgeber für rund 60 Zivilangestellte der Wehrmacht, so wird im Heimatbuch von Tödter der Wachleiter Farclas (vom Moorhof in Ottermoor) und Pieper erwähnt. Russische Kriegsgefangene aus dem Lager Sandbostel sollen laut einem Zeitzeugen (Herr Reese im Gutachten von 1992) hier auch gearbeitet haben. Das Depot wurde einer Landesschützenkompanie und der Schneverdinger Firma Finnberg (heute Hamburg) bewacht.

Es wurden  Sprengstoffe und Treibmittel in insgesamt 117 Lagerbaracken gelagert, die Kapazität betrug bis zu 3.500 t. Die Munitionshäuser (im Grundriß 8 x 12 Meter) wurden für die Lagerung von Sprengstoffen und Treibmitteln als Zwischenlager benutzt. Die Kampfmittel wurden per LKW vom Bahnhof angeliefert. Acht weitere Baracken waren auf den Luftbildern zu erkennen: im Zufahrtsbereich befand sich eine Torwache, ein Aufenthaltsgebäude für die Wachmannschaften und die Unterkunft des Kommandeurs.

Auf den Luftbildern sind die einzelnen Lagergebäude (Holzbauten auf Betonplatten) gut zu sehen, sie sind aus Sicherheitsgründen mit Abstand zueinander im Wald verteilt. Sechs Brandschneisen trennen die Gebäude etwa 70 m voneinander. Weiter westlich in Richtung Todtshorn gab es keinen Baumbestand, dort waren die Lagerstätten in die Heide gebaut. 10 Feuerlöschteiche aus Beton gab es, davon ist nur noch einer erhalten.

Luftbild von Wintermoor und Kamperheide am 9. April 1945, Bild 3091: NCAP / ncap.org.uk
Luftbild von Wintermoor und Kamperheide am 9. April 1945, Bild 3091: NCAP / ncap.org.uk

Dieses Bild von 1945 kostet jährliche Lizenzgebühren von 14 EUR: Ich freue mich, wenn sich jemand daran beteiligt, insbesondere, wenn derjenige einen Erkenntnisgewinn an dem Bild hat. Ein weiteres britisches Luftbild vom 23.12.1944 fehlt hier aufgrund ungeklärter Veröffentlichungsrechte.

Die „Heeres-Nebenmuna“ (abgekürzt) lagerten laut Wikipedia hauptsächlich Infanterie- und Artilleriemunition des Heeres, in unserer Wintermoorer Anlage sogar nur die dafür benötigten Sprengstoffe und Zündmaterialen.

Das Depot wurde nie direkt bombardiert. Jedoch beschossen Tieffliegern 1944 die Anlage und einige Baracken sollen in Brand geraten sein („Der Niedersachse“ Ausgabe 13/1993). Die Fliegerbombardierung und -beschuss des Bahnhofs Wintermoor zum Kriegsende hing sicherlich mit der Muna zusammen. Der 1945 dort haltende Güterzug mit KZ-Häftlingen wurde für einen Munitions- oder Truppentransport gehalten und beschossen, wobei zahlreiche Menschen starben.

Und was ist mit dem Bombenkrater in Ottermoor?

Nach dem Krieg

In den Jahren 1945 bis 1947 übernahmen die Briten das nahezu vollständig gefüllte Lager. Der Teilstandort „Sprengplatz Todtshorner Heide“ wurde anfangs direkt vor Ort angelegt, um die Munition hier zu zerstören. Das erwies sich jedoch nicht als praktikabel, so dass die Briten die Kampfstoffe ins Depot „Großenwede – Zahrensen – Lünzen“ transportierten, damit sie dort durch Abbrand vernichtet wurden.

Direkt nach dem Krieg wurden viele Dinge vom Lager entwendet und spätestens bis April 1948 waren auch die leeren Gebäude entfernt. Die Holzbauten verschwanden in der lokalen Bauernschaft oder wurden verkauft: Die Torgebäude (aus Stein) befinden sich heute noch bei einem Landwirt in Wintermoor. Aber auch die Munitionskisten aus Holz waren so beliebt, dass in den Baracken das Pulver einfach ausgegossen wurde, damit man die Kisten mitnehmen konnte. Der rings um das Gebiet doppelt als Posteneweg gezogene Stacheldraht wurde zu Weidezaun. Ein Dokument aus dem Bundesarchiv (Signatur BH1_554) nennt 1950 als Datum, bis zu dem alle Flächen an ihre Eigentümer zurückgegeben wurden (bis auf 0,896 von 295 Hektar Land, auf dem die Wohnhäuser standen.

Die Topografische Karte von 1957 zeigt irrtümicherweise noch vier Gebäude hier, davon drei in Nähe des Sprengplatzes und eins weiter nördlich. Die Luftbildauswertung der Aufnahmen von 1964 zeigt jedoch, dass diese Gebäude nicht mehr bestanden. Allerdings gibt es auch 2017 noch Gebäude im östlichen Waldbereich, es handelt sich um zwei Ferienhäuser.

Die Fundamente wurden gesprengt, weshalb man auch heute noch Betonbrocken am Waldrand und Krater in der Landschaft findet. Es gibt nur eine Fundamentplatten, die nicht zerstört wurden.

Erhaltene Fundamentplatte des Munitionslagers in Kamperheide (1999)
Erhaltene Fundamentplatte des Munitionslagers in Kamperheide (1999)

Die ehemaligen Wachgebäude bei der Einfahrt zum Lager gingen nach 1949 in den Besitz der Familie Österreich und wurden als Ferienhäuser und Gaststätte genutzt. Später gingen sie an Heiner Gronholz und werden nun privat genutzt.

Heute wird die Fläche überwiegend weiter forstwirtschaftlich genutzt (s. Kamperheide). Wir haben früher als Kinder in dieser Gegend um Kamperheide und dem Wittenmoor gespielt. Das war gefährlicher, als man dachte.

Altlasten

Im Wittenmoor soll es jedoch noch Altlasten geben. Etwa um 2007 wurden im mit Pfeifengras bewachsenen Sprengplatz Todtshorner Heide wieder Kampfstoffe gefunden und entfernt. Ab 2008 wurden zusammen mit dem LK Harburg, der Samtgemeinde Tostedt sowie dem Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen die Gefahren ermittelt und beseitigt. Bis 2010 war die Sanierung umgesetzt und der Sprengplatz mit einer wasserundurchlässigen Decke zu verschließen. So verhindert man, dass Giftstoffe aus den gesprengten Munitionsteilen durch Regen in das Grundwasser geschwemmt werden.

Krater der Sprengung, die Fundamentplatte ist fort.
Krater der Sprengung: die Fundamentplatte ist fort.

Helmut R. Tödter erwähnt in seinem unglaublich faktenreichen Buch „Kampen, Welle, Todtshorn – Heimatbuch des südlichen Todts“ von 2005 die Muna in einem eigenen Kapitel auf den Seiten 334-337.  

Ich bemühe mich um die Rechte zur Veröffentlichung dafür. 

 

Weitere Infos

Informationen zu Muna von Wikipedia unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Munitionsanstalt

Informationen zu Altlasten (allgemeiner in Niedersachsen) auch im Spiegel vom 27.11.1989: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13498710.html

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